Sommergrippen

Sommergrippen

Betrachtung aus homöopathischer Sicht

 

In den meisten Fällen gebe ich meinen Patienten den Rat, im Falle einer akuten Erkrankung sofort bei mir anzurufen. In der Regel kann ich dann auf Grund der augenscheinlichen Symptome den Schaden gewissermaßen sofort abwenden, d. h. in zwei, drei Stunden kann der Spuk vorbei sein.

 

Es ist ja durchaus ein Phänomen in der Homöopathie, das bei der natürlich richtigen Behauptung, die Homöopathie sei die zwingende Therapie für die chronischen Krankheiten, die Möglichkeiten dieser Therapie im Bereich akuter Erkrankungen kaum Erwähnung finden. Dabei hat Hahnemann bereits auf die Wirksamkeit der Homöopathie bei akuten Fällen hingewiesen. Zitat (§148, Nr. 1.):

„1.) Wird, wie gesagt, die passend ausgewählte homöopathische Arznei richtig angewendet, so vergeht die zu überstimmende, natürliche Krankheit, wenn sie kurz vorher entstanden war, unvermerkt, nicht selten in einigen Stunden.“

Auch habe ich die Erfahrung gemacht, das die Leute mit dem Begriff „akute Erkrankung“ nicht umgehen können. Es bedarf schon einer ausgebildeten Wahrnehmungsbereitschaft, wenn ein junger Mann seinen Behandler anruft, weil seine Haut nach dem Duschen plötzlich unerträglich brennt und juckt. Bei Vielen, die unter einem solchen Phänomen leiden, ist das häufig so - und immer nach intensivem Wasserkontakt. Und so haben sie eine Erklärung (Wasser), und wer eine Erklärung hat, ändert nicht. D. h. sie rufen natürlich nicht bei mir an.

Ich finde das tragisch, weil wir ja gerade im akuten Fall und insbesondere mit der Homöopathie, effektiv und schnell helfen können.

In dem geschilderten Fall war es übrigens Sulfur (Schwefel) D 12, und die Erscheinung verschwand nach der zweiten Gabe, noch während wir miteinander telefonierten.

Also helfe ich mir und meinen Patienten, indem ich Begrifflichkeiten verwende, die wir beide verstehen, auch wenn sie mir bei der Mittelfindung überhaupt nicht helfen. Im Winter sage ich: „Wenn sie eine „Grippe“ oder etwas ähnliches bekommen, merken sie das sehr schnell. Bitte rufen sie mich sofort an. Je eher sie anrufen, umso schneller kann ich ihnen helfen“. Und im Sommer sage ich: „Wenn sie sich akut schlecht fühlen und etwas wie eine Sommergrippe bekommen…“. Das verstehen die Leute und natürlich insbesondere jene, die nicht krank werden dürfen. Nein, nein, ich will niemandem etwas unterstellen. Es gibt eben viele, die eine Erkrankung einfach benötigen. Das ist auch in Ordnung.

Sie werden sehr schnell merken, dass die einzelnen Patienten unter dieser einheitlichen Überschrift „Sommergrippe“ tatsächlich ganz unterschiedliche Symptome produziert haben und beschreiben.

Gestatten Sie mir eine grundsätzliche Anmerkung an dieser Stelle. Man ist gut beraten, wenn man handelt, wie Hahnemann es beschreibt. Erfassen Sie alle akuten Symptome, und lassen Sie sich durch eine schulmedizinische Krankheitsbezeichnung nicht vom rechten Weg abbringen.

Das entsprechende Zitat aus §70 des Organon der Heilkunst lautet:

„…dass alles, was der Arzt wirklich Krankhaftes und zu Heilendes an Krankheiten finden kann, bloß in dem Zustand, den Beschwerden des Kranken und den ihm sinnlich wahrnehmbaren Veränderungen seines Befindens bestehe, mit einem Wort:
bloß in der Gesamtheit aller Symptome, durch welche die Krankheiten die zu ihrer Hilfe geeignete Arznei fordert. Hingegen ist jede ihr angedichtete innere Ursache, verborgene Beschaffenheit oder ein eingebildeter materieller Krankheitsstoff ein nichtiger Traum.“

Bei akuten Krankheiten, also z. B. bei Sommergrippen, ist die homöopathische Untersuchung relativ einfach. Hierzu wieder ein Zitat aus dem Organon:

„Bei dieser Erforschung ist allerdings ein Unterschied zu machen, ob das Leiden eine akute und schnell entstandene Krankheit oder eine chronische sei. Bei den akuten fallen die Hauptsymptome schneller auf und werden den Sinnen erkennbar; daher ist eine weit kürzere Zeit zur Aufzeichnung des Krankheitsbildes erforderlich, auch weit weniger zu fragen, weil sich das meiste von selbst darbietet.“

Befleißigen Sie sich also der gebührenden Kürze. Drei bis max. fünf Symptome sollten bei einer „Sommergrippe“ genügen. Je mehr Symptome sie zur Repertorisation benutzen, umso unklarer wird das Bild.

 

Die Behandlung

Auch der Arzneimittelgebrauch und die Behandlung sind einfach und anders als bei chronischen Krankheiten. Bei akuten Erkrankungen können die zutreffenden Mittel im Abstand von 15 Minuten gegeben werden. Das wird in der Regel auch so gemacht. Die Beschwerden müssen dann spätestens nach zwei Stunden signifikant gebessert sein. Sollte das nicht der Fall sein, war die Mittelwahl falsch.

Man verwendet in der Regel Mittel in den so genannten Tiefpotenzen zwischen D 4 und D 12. Als Dillution sollten sie vor jeder Gabe verschüttelt werden (Das Fläschchen zehn Mal auf die Hand schlagen). Bei häufigen, aufeinander folgenden Gaben ist das wichtig, denn durch die Verschüttelung verändert sich das energetische Potenzial und damit die Mittelwirkung ein wenig, und man vermeidet die so genannte „Erstverschlimmerung“.

Oft reichen schon eine oder zwei Darreichungen. Sobald eine Besserung eintritt, darf dieses, aber auch kein weiteres Mittel mehr verabreicht werden, auch wenn die Symptome noch nicht ganz verschwunden sind. Mit dem homöopathischen Mittel wird der Organismus angeregt sich selbst zu heilen. Wiederholt man die Mittelgabe zu häufig, wird der harmonische Heilungsablauf
gestört, und es kann zu Erstverschlimmerungen kommen.

Unter einer Besserung versteht man:

Die Krankheitssymptome haben sich vermindert. Die psychische Verfassung des Patienten ist besser oder er schläft ein. Beachten Sie: Nie einen schlafenden Patienten für die Mitteleinnahme aufwecken!

Erst bei einem Rückfall können Sie nochmals eine weitere Dosis des ausgewählten Mittels verabreichen, falls es durch das Symptomenbild noch angezeigt ist. Haben sich die Symptome verändert, so muss ein neues, passenderes Mittel gesucht werden.

Tabelle 1: Die wichtigsten Mittel und ihre Indikationen:

Mittel

Indikation

Aconitum

Aconitum Napellus, der blaue Eisenhut wächst in den Hochgebirgen Europas. Das Hauptalkaloid Aconitin ist der entscheidende Träger der therapeutischen
Wirkung.

Hohes Fieber, trockene Haut, Angst, Unruhe

Plötzliche, klopfende Kopfschmerzen, Bindehautreizungen, Hitze und Trockenheit im Mund, Ohrenschmerzen, beginnende fieberhafte Affektionen der Atemwege wie Bronchitis und Pneumonie auf Grund von Erkältung des schwitzenden Körpers. Angstvolle Beklemmung, Kongestionen und anfänglichem Fiebersturm kennzeichnen dieses Mittelbild. Das erste Stadium der Entzündung. Aconitum ist das akute Sulfur.

Belladonna

Atropa Belladonna, die Tollkirsche. Verwendet wird die frische Pflanze ohne Wurzel bei beginnender Blüte. Bestimmend für die Wirkung sind die Alkaloide (Tropanalalkaloide) Hyascyamin, Scopolamin, Atropamin, Belladonin und Scopin.

Hohes Fieber, rotes Gesicht, klopfende Karotiden Äußerste Heftigkeit aller Erscheinungen.

Starker Blutandrang zum Kopf mit hochrotem Gesicht und klopfenden Karotiden. Hände und Füße sind kalt. Gehirnkongestionen mit klopfenden Kopfschmerzen, Unruhe und Erregung der Gehirnnerven. Überempfindlichkeit gegen Licht, Geräusche, Berührung, Erschütterung. Überempfindlichkeit gegen Schmerzen. Pulsierende Gefäße und rote, scharlachähnliche Haut, mit Frostgefühl. Großer Durst, starke, trockene Hitze oder dampfende Schweiße. Verschlimmerung: Kälte, abends und nachts.

Eupatorium

Eupatorium perfoliantum, der Wasserhanf, wächst an Seen und Flüssen in Nordamerika. Wegen seiner heilenden Eigenschaften bei Knochenverletzungen wird er im Volksmund auch „Knochenrenker“ genannt.

Gliederschmerzen, Zerschlagenheit,
Übelkeit

Fieber mit auffallendem Zerschlagenheitsgefühl (alle Knochen tun weh; „typisches“ Grippegefühl) und Schmerzhaftigkeit im ganzen Körper. Knochen und Gelenke schmerzhaft, wie verrenkt. Kopfschmerz mit Schwindel und Übelkeit/Erbrechen (Galle). Schmerzhafter Husten („muss die Brust halten“).

Ferrum phosphoricum

Ferrum phosphoricum, das Ferriphosphat
(FePO4), ist als Schüßlermittel bekannt.

Fieber- aber kaum erkennbare Symptome

Ferrum phosphoricum ist besonders dann
angezeigt, wenn außer Fieber keine typischen Symptome erkannt werden können. Schwäche, u. U. leichter Kitzelhusten und weicher Puls, aber kein Hinweis auf ein anderes Grippemittel. Typisches Kindermittel. Grundsätzlich immer bei Entzündungen einsetzbar.

Gelsemium

Gelsemium sempervirenz, der gelbe Jasmin, ist in Nord- und Mittelamerika heimisch und wird dort an Flussufern gefunden. Verwendet wird der frische Wurzelstock. Es wirken mehrere Alkaloide wie Gelsemicin, Gelsemin, Gelsevitrin und Gelsedrin sowie Sempervirin und Cumarin Scopoletin.

Fließschnupfen, verschwollenes, gerötetes Gesicht, Benommenheit und Schwindel

Grippöses Fieber mit Röte des Kopfes, oft in der heißen Jahreszeit. Fließschnupfen (wie Wasser). Trotz Kopfschmerzen versinken die Patienten immer wieder in Schlaf. Kinder sind lustlos und wollen nicht gestört werden. Nervöse Herzbeschwerden (Gefühl, als wenn das Herz stehen bleiben will). Benommenheit und Apathie. Kopf kann nicht gehalten werden, Augenlider fallen zu wie gelähmt. Verschlimmerung durch Hitze, Verbesserung durch alkoholische Stimulanzien. Erleichterung durch Harnfluss.

Damit decken Sie im Sommer fast jede akute Störung ab.

Natürlich gibt es in der homöopathischen Literatur eine ganze Reihe von Hinweisen auf weitere, im Akutfall verwendbare Mittel, wie z. B. Bryonia (Trockenheit der Schleimhäute, Verschlimmerung durch Bewegung), Causticum (Halsgrippe), Rhus toxicodendron (Bewegung bessert alle Beschwerden), Arsenicum album (Schwäche, Kälte, Übelkeit), Allium Cepa (Wundmachender Schnupfen), Luffa (Nasen- und Augenbrennen) und viele andere mehr. Man könnte diese Liste beliebig verlängern. Das hat damit zu tun, dass jeder Mensch „seine“ Erkrankungen produziert und es sich bei längeren Krankheitsphasen und entsprechend näherer Betrachtung immer auch personotrope Reaktionsmuster darstellen lassen. Dieses führen dann in der Regel zu entsprechend komplexen Mitteln (keine Komplexmittel!!!), die die konstitutionelle Seite einer tiefer gehenden Erkrankung einbeziehen.

Akut oder nicht akut?

Man darf den Blick auf das Wesentliche nicht verlieren. Denken sie daran: Viele akute Störungen sind die plötzlichen Ausbrüche von Symptomen auf Grund von chronischen Erkrankungen. Wenn Sie Nux vomica bei einem akut aufgetretenen Schnupfen benötigen, finden Sie bei diesem Patienten auch Zorn und Leberprobleme.

Also betrachten Sie jede Krankheit neu und halten Sie sich im akuten Fall an das bewährte Schema, bei solchen Krankheiten reichen die drei, vier hervorragenden Symptome für die Mittelbestimmung für den beschrieben Krankheitsbereich zunächst aus. Für die Reaktionsmuster, die auf die oben beschrieben Krankheitssymptome nicht passen, muss man auf jeden Fall an andere Mittel denken.

Echinacea

Zum Abschluss will ich noch eine Lanze für das wunderbare Arzneimittel Echinacea brechen. Dieses Mittel ist bei allen Entzündungen neben dem auf Grund des homöopathischen Similes ausgewählten Mittel gut als ergänzende Basistherapie zu gebrauchen. Bei allen Prozessen wirkt Echinacea im Sinne einer Abwehrsteigerung des Organismus. Echinacea angustifolia, die schmalblättrige Kegelblume, wächst in Nordamerika. Wir kennen auch Echinacea purpurea, das etwa gleiche Wirkungen erzeugt. Die heutige Verwendung dieser Pflanze wurde aus dem Gebrauch der Indianer abgeleitet, die diese Pflanze als Heilmittel für Wunden verwendeten. Gebräuchlich ist die orale Anwendung der Urtinktur. Bei einer Sepsis werden zwei bis drei stündlich fünf bis 20 Tropfen (in etwas Wasser) eingesetzt.

Vorsicht, höre ich immer, das könnte Fieber erzeugen. Aber besser geht es doch gar nicht! Fieber ist Bestandteil des Heilungsprozesses!

Bei Kindern mit grippalen Infekten oder sonstigen Krankheiten, die auf eine geschwächte Abwehr zurückzuführen sind, empfehle ich auch die D1, die es auch in Tablettenform gibt (fünf Mal täglich eine Tablette).

 

 

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Stand: Montag, 11. Juni 2018